Erntedank 2008
Die zwei Brüder auf dem Berg Morija
Es war einmal ein Feld, das zwei Brüder geerbt hatten. Der eine war verheiratet und hatte
Kinder, der andere dagegen lebte allein. Sie wohnten zusammen in einem Haus, ruhig und zufrieden
mit dem Stück Land, das sie von ihrem Vater geerbt hatten. Im Schweiße ihres Angesichts
bearbeiteten sie das Feld.
Einmal geschah es, dass sie die Weizenernte gesammelt, die Ähren in Garben gelegt, und die
Ernte in zwei Teile verteilt hatten. Diese Haufen standen nun im Feld, je einer für einen der Brüder.
In der Nacht nun sagte der Bruder, der weder Frau noch Kinder hatte: ,,Ich lebe da ganz allein, mit
niemandem muss ich mein Brot teilen. Mit meinem Bruder ist das anders, der hat Frau und Kinder.
Warum soll ich denselben Anteil wie er haben?“ Und er stand auf und heimlich, wie ein Dieb, nahm
er von seinem Haufen Garben und legte sie zu dem Haufen seines Bruders.
Zur selben Zeit sagte der andere Bruder zu seiner Frau: ,,Es ist nicht richtig, dass wir das
Korn in zwei gleiche Teile teilen. Mein Schicksal ist besser als seines, denn Gott hat mir Frau und
Kinder gegeben, er aber ist einsam und hat keine andere Freude als das Getreide. Komm, lass uns
heimlich von unserem Anteil dem seinen etwas zulegen.“ So taten sie.
Am Morgen nun waren die zwei sehr erstaunt, zu sehen, dass die Haufen genauso groß waren
wie zuvor. Man sprach an jenem Tag kein Wort darüber. In der zweiten, dritten und vierten Nacht
taten beide Brüder dasselbe mit dem Weizen; am Morgen jedoch fanden beide die Haufen wieder
gleich groß.
Da beschloss jeder für sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Und als sie in der fünften
Nacht ins Feld gingen, da stießen sie auf halbem Weg mit den Garben in der Hand aufeinander. So
kam die Sache heraus. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und
brüderlicher Liebe und dankten Gott dafür, dass Er jedem einen so großzügigen Bruder gegeben hatte.
Israelisches Märchen
Ein wunderbares Erntedankfest
wird da auf dem Berg Morija gefeiert: Die beiden Brüder haben das Nötige zum Leben und
erkennen sich von neuem als Brüder. Leicht könnte es auch umgekehrt sein: Jeder sähe vor allem
seinen eigenen Bedarf – der eine braucht ja mehr, um seine Familie zu ernähren und der andere
hat ja keinen anderen Trost als den Ernteertrag: gewichtige Argumente wären das, um vom Haufen
des Bruders heimlich etwas weg zu nehmen und zum eigenen zu legen. Wenn es beide so machten,
wären auch in diesem Fall am nächsten Morgen die Haufen wieder gleich groß. Aber wenn dann
die Entdeckung der Ursache anstünde, wäre die Enttäuschung – oder die Bestätigung des vorher
schon heimlich genährten Misstrauens? – groß. Beide müssten in Zukunft mehr auf das Ihre
aufpassen, müssten zu ihrer Arbeit zusätzlich den anderen misstrauisch überwachen und hätten
vielleicht immer noch den Verdacht, dass da wieder mal einer was weg genommen hat und die
Angst wäre beider Begleiter, dass die Ernte das Jahr durch nicht reicht.
Wie reich sind die beiden Brüder in der Erzählung! Sie haben alles, was der Mensch braucht: wenn
die Menschen geschwisterlich zusammen leben, kann man mit wenigem auskommen!
„Eine schöne Geschichte – aber leider ist die Wirklichkeit eine andere“, werden Sie denken und
haben recht – fast recht: denn es gäbe schon manche Menschen, die bereit wären, so großzügig und
freundlich zu leben - oder besser gesagt: es gibt vielleicht bei jedem Menschen Momente, wo sie/er
bereit ist zu solchem Lebensstil: sie aber übersehe ich, wenn ich von der „Schlechtigkeit der Welt“
überzeugt bin. Und damit übersehe ich, was das Leben wertvoll macht.
Natürlich muss immer wieder eine/r den ersten Schritt tun: eine schöne, lohnende Lebensaufgabe
für jeden Menschen, besonders für Christen – so dass man eigentlich sagen sollte: ich darf den
ersten Schritt tun. Vielleicht könnte Erntedank 2008 ein Anstoß sein, menschlich zu leben – schon
der Versuch gibt unserem Leben Inhalt – nach dem Wort Jesu:
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden.
In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch
beschenken;
denn nach dem Maß,
mit dem ihr messt und zuteilt,
wird auch euch zugeteilt werden.“ (Lk 6,38)