Die Geschichte des Klosters Bad Herrenalb

Cluny III von 1080 - 1130Bei der Kultivierung und Christianisierung unserer Heimat war den Klöstern der Benediktiner eine große gesellschaftsprägende und wirtschaftliche Macht zugewachsen. Die (heute zerstörte) gewaltige Klosterkirche des Reformklosters von Cluny in Burgund mag davon Zeugnis ablegen.

Johannes-Minne, 1310Immer wieder aber meldeten sich Stimmen zu Wort, die an die ursprünglichen Ziele des Mönchtums erinnerten. Zu allen Zeiten waren Menschen aus ihren Bezügen ausgestiegen, aus allen Geschäften, Sorgen und Leidenschaften, um jede Ablenkung vom wirklich Wichtigen zu vermeiden und ein Leben zu führen in Armut und Reinheit des Herzens. Wie der Lieblingsjünger Johannes auf dieser Plastik aus dem Zisterzienserinnenkloster Heiligkreuztal wollten sie ganz hinhören auf Jesus Christus und ihm nachfolgen. So hatte sich eine Gruppe von Mönchen vom Kloster Cluny getrennt und lebte völlig unbeachtet in der Wildnis bei Citeaux.

Bernhard von ClairvauxAber bald geriet eben diese Lebensart in den Mittelpunkt des Geschehens und prägte über ein ganzes Zeitalter hinweg die damalige Welt. Bernhard, der spätere Abt von Clairvaux - hier in einer Darstellung aus dem Herrenalber Gebetbuch - sorgte dafür, dass bis zu seinem Tod im Jahr 1153 nicht weniger als 350 Zisterzienserklöster in ganz Europa gegründet wurden, eines davon in der damaligen Wildnis des Albtals. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, das alte Ideal "ora et labora" - Gebet und Arbeit neu zu verwirklichen. Die frühen Bauten der Zisterzienser zeichneten sich dementsprechend durch strenge, klare Formen aus. Glockentürme waren ebenso verboten wie figürlicher Schmuck oder bunte Glasfenster.

Kirche vom alten Schulhaus gesehenWer heute bei einem Spaziergang durch den historischen Ortskern der Stadt Bad Herrenalb an den eindrucksvollen Mauern der Paradiesruine halt macht oder der evangelischen Kirche einen Besuch abstattet, der kann sich wohl nur schwer vorstellen, dass er sich bereits inmitten der Überreste eines einst bedeutenden mittelalterlichen Zisterzienserklosters befindet. Kriegerische Ereignisse und der Zahn der Zeit haben dazu beigetragen, dass viele der einstigen Klostergebäude verschwunden sind.

MaulbronnFast vollständig erhalten ist dagegen das nahegelegene Schwesterkloster Maulbronn. Es wurde vom selben Mutterkloster aus nur 2 Jahre vor Herrenalb von Zisterziensern besiedelt und kann einen guten Eindruck vermitteln von Umfang und Aussehen auch des Herrenalber Klosters. Doch auch in Bad Herrenalb künden heute noch viele Spuren vom Wirken der Mönche.

Rathaus-EckturmDas gesamte Klosterareal war einstmals von einer wehrhaften Mauer aus großen Sandsteinquadern umgeben. Die Überreste eines großen Wehrturmes sind im Sockelgeschoss des Rathauses erhalten.

KruzifixWahrscheinlich über dem einstigen Klostertor war diese steinerne Kreuzigungsgruppe aus dem Jahr 1464 angebracht. Sie ist heute leider nicht mehr in Bad Herrenalb, sondern wurde im 19. Jahrhundert in den Innenhof von Schloss Eberstein im Murgtal versetzt.

Bad Herrenalb vor 1900Diese historische Ansicht von Bad Herrenalb aus dem vergangenen Jahrhundert zeigt außer der Kirche und dem Paradies auch noch einige der wirtschaftlichen Nebengebäude des früheren Klosters. Um die Klausurbauten herum gruppierten sich Mühlen, Werkstätten und Scheunen. Viele dieser Gebäude sind verschwunden oder stark verändert, aber noch immer kann der interessierte Besucher bei einem Rundgang überraschende Entdeckungen machen.

KlosterscheuerVon außerordentlich großer Bedeutung ist die "Klosterscheuer". Dieses Gebäude ist eines der ganz wenigen erhaltenen klösterlichen Wirtschafts-Gebäude aus der Zeit der Romanik. Nur wenig jünger als die Klosterkirche und das Paradies, also in den Jahren um 1200 errichtet, zeigt dieser Bau, wie wichtig auch die wirtschaftlichen Nebengebäude für das Funktionieren einer neugegründeten Ordensniederlassung waren.

Durchgang beim PfarrhausÖstlich der evangelischen Pfarrkirche stehen im Winkel zueinander zwei weitere alte Klostergebäude, in späterer Zeit das Schulhaus und das Pfarrhaus. In ihnen verbergen sich vielleicht die alte Abtswohnung und das Krankenhaus der Mönche. Vielfach umgebaut, zeugen sie durch ihre Größe von der einstigen Bedeutung des Klosters Herrenalb.

Zeichnung 6Wenden wir uns nun der eigentlichen Klosteranlage zu. Diese Übersichtszeichnung hat Manfred Kohler in seiner Dissertation 1992 aufgrund von Ausgrabungen und Notizen der Architekten Kugele und Schneider erarbeitet. Eine Fülle verschiedener Räume waren ehemals um den Kreuzgang herum gruppiert. Dazu gehörten z.B. der Kapitelsaal, in dem sich die Mönche zur täglichen Beratung versammelten, aber ebenso auch die Küche, der Speisesaal oder die Wärmestube. In den Obergeschossen befanden sich die Schlafräume.

KlostermodellNach diesem Plan ist auch das Modell gearbeitet, das Sie im Chorraum genauer anschauen können. Während der Ostflügel den Priestermönchen vorbehalten war, hatten die Laienmönche den Westflügel zu ihrer Verfügung. Die Priestermönche traten schon im Jugendalter ins Kloster ein und lernten dort lesen und schreiben; die Laienmönche wurden im besten Mannesalter als Experten eines Fachbereichs in das autarke Kloster aufgenommen.

Alte SakristeiAls einziger Teil der Klausur hat sich als niedriger Anbau an der evangelischen Pfarrkirche die "alte Sakristei" bis heute erhalten. In dem kleinen Raum mit den tief angesetzten Gewölben lässt sich noch am besten der Geist der Stille und der Abkehr von der Welt nachempfinden, der die Klostergründer vor über 800 Jahren bewegte.

WandmalereiAls kleine Kostbarkeit birgt die "alte Sakristei" den Rest einer alten Wandmalerei über dem Türdurchgang. Die schlichten Zierformen sind typisch für die frühen Jahre der Kunst der Zisterzienser.

Kreuzgang BebenhausenViel aufwendiger war dagegen die Gestalt, die der Herrenalber Kreuzgang kurz vor dem Jahr 1500 erhalten hat. Diese Fotografie zeigt den spätgotischen Kreuzgang des Zisterzienserklosters Bebenhausen bei Tübingen. Es gibt eine ganze Reihe von Steinfunden aus Bad Herrenalb, die nahe legen, dass auch hier der Kreuzgang nach seiner Umgestaltung eine solche Form hatte.

Kirche und ParadiesruineDem Besucher der Kirche bietet sich heute dieses Bild: Die Mauern der Vorhalle der einstigen Klosterkirche, Paradies genannt, ziehen den Blick auf sich.

ParadiesgiebelWir können deutlich verschiedene Stilepochen unterscheiden. Die rundbogigen Öffnungen mit ihren Säulenbündeln im unteren Bereich stammen noch vom ursprünglichen Bau der Jahre um 1200. Der steil aufragende Giebel mit seinem großen Maßwerkfenster hingegen ist wiederum eine Veränderung, die erst die Spätgotik gebracht hat, als die Mönche in Herrenalb ihr ganzes Kloster in den Architekturformen der neuen Zeit modernisierten.

nördliche ParadiesarkadenSchon in ihrer ursprünglichen Gestalt war die Herrenalber Kirchenvorhalle ein großer und repräsentativer Bau. Neben den paarweise oder gebündelt angeordneten Säulen in den Wandöffnungen ist auch...

Zeichnung Tympanon...das Bogenfeld des Westportals mit seinen komplizierten geometrischen Ornamenten ein sichtbares Zeichen für das große handwerkliche Geschick der einstigen Erbauer. Leider sind gerade die feinen Linien der Rosetten heute schon stark verwittert, aber bei günstigen Lichtverhältnissen kann man sie noch immer erkennen.

SchmerzensmannIn deutlichem Gegensatz zu diesen abstrakten Formen stehen die Skulpturen am Turm des spätgotischen Giebels. Sie sind zu einer Zeit entstanden, als das strenge Bilderverbot des Zisterzienserordens schon lange nicht mehr beachtetet wurde. An der Frontseite erkennen wir einen leidenden Christus mit einem posauneblasenden Engel zu seinen Füßen. Die darüber eingemeisselte Jahreszahl 1462 nennt uns das Jahr des Umbaus.

MönchDer geduldige Betrachter kann auch noch andere reizvolle Motive entdecken, so z.B. diese Mönchsgestalt mit dem Klosterwappen an der Südseite des Turmaufsatzes.

PortalEin Beispiel für die typische Schlichtheit der ursprünglichen Herrenalber Kirche ist noch heute das ehemalige Westportal. Nur der Farbwechsel in den Quadersteinen belebt die Strenge der Architekturformen. Durch Verwitterung fast schon verschwunden ist die lateinische Portalinschrift, die uns an den Stifter des Klosters den Grafen von Eberstein bei Baden-Baden erinnern soll. Ihre Übersetzung lautet:
"Wenn Du fragst, Leser, mit welchem Namen unser Stifter genannt wurde: er trug den Namen Bertholdus. Nun hält ihn mit den Heiligen für ewig der Himmel fest."
Der heutige Besucher versäumt nicht, seinen Blick auf die über 160 Jahre alte Kiefer zu richten, die sich genau auf dem Torbogen gesät hat.
Zu den Zeiten, als das Kloster noch Bestand hatte, durften nur wenige Besucher dieses Tor durchschreiten, denn weltliche Personen hatten keinen Zutritt zum inneren Klosterbezirk, auch nicht zur Kirche.

Grundriss romanische KircheIm Grundriss der Kirche wird sichtbar, um wie viel kleiner die heutige, 1739 erbaute evangelische Pfarrkirche gegenüber der einstigen Klosterkirche ist: ihr Schiff besitzt nur noch die halbe Länge. In spätgotischer Zeit wurde auch die romanische Kirche dem modernen Geschmack in wesentlichen Punkten angepasst. Der Wunsch nach mehr Licht im Kirchenraum und zusätzlicher Platzbedarf für die Aufstellung weiterer Altäre führten zu baulichen Änderungen. Die kleinen seitlichen Apsiden wurden abgerissen. An der Nordseite erfolgte der Anbau einer Kapellenreihe, und zuletzt wurde ein völlig neuer Chor errichtet.
Grundriss neue Kirche

NetzgewölbeDas schöne Netzgewölbe verdient eine genauere Betrachtung.

Christus-SchlusssteinGanz besonders fällt der große Schlussstein mit dem Christuskind ins Auge, auf dessen Schriftband die Jahreszahl 1478 die Fertigstellung des Chorneubaus verkündet.

KenotaphEbenfalls im Chor der einstigen Abteikirche finden wir das aufwendige Grabdenkmal für den badischen Markgrafen Bernhard I. Unter einem spitzbogigen Wanddurchbruch, der von Propheten- und Heiligenfiguren eingerahmt wird, steht die eigentliche Grabtumba, auf deren Deckplatte die Figur des Markgrafen in seiner Rüstung zu erkennen ist.
Allerdings - beigesetzt worden ist Markgraf Bernhard I. nicht hier, sondern in Baden-Baden. Wir haben es also in Bad Herrenalb mit einem Leergrab, einem sogenannten Kenotaph zu tun.

RitterfigurDie Entstehungsgeschichte dieses Grabdenkmals ist in höchsten Maße interessant. Markgraf Bernhard, der eigentliche Begründer des neuzeitlichen badischen Territorialstaates, musste sich 1384 in jungen Jahren die Regentschaft mit seinem Bruder Rudolf teilen. Das in seinem Herrschaftsbereich gelegene Kloster Herrenalb wurde von Bernhard als zukünftige Grabstätte seiner Linie ausgewählt und er begann, seinen politischen Anspruch sogleich durch den Bau eines aufwendigen Grabmals zu demonstrieren. Bereits nach wenigen Jahren, nämlich 1391, verstarb jedoch der jüngere Bruder Rudolf und Bernhard übernahm wieder das gesamte Territorium mit der bisherigen Familiengrablege in Baden-Baden. So blieb das Grabmal in Herrenalb ungenutzt und man fügte nach dem Tod des Markgrafen im Jahre 1431 lediglich sein Sterbedatum ein.

Hl. JakobusDieses Monument ist das sprechendste Beispiel dafür, wie sehr sich der asketische Standpunkt der Anfangszeit des Zisterzienserordens bereits zu Ende des 14. Jahrhunderts gewandelt hatte. Zugleich ist es das in seinem künstlerischen Formenreichtum bedeutendste Ausstattungsstück der Herrenalber Klosterkirche, das die Wirren der Zeiten überstanden hat. Auch der Stil der Skulpturen bezeugt, dass das Kenotaph in der Herrenalber Kirche zu Beginn der Regentschaft Bernhards I. entstanden sein muss. Hier ist als Beispiel der Heilige Jakobus zu sehen, der Schutzheilige der Pilger.

ChorraumIn der Zeit der Reformation und der Bauernkriege wurde das Kloster mehrfach geplündert, aufgelöst und wieder instandgesetzt, bevor es im 30-jährigen Krieg, 1642, endgültig zerstört wurde. Geblieben aber ist die Stadt Herrenalb. Ihre evangelischen Bürgerinnen und Bürger bauten 1739 das heutige Kirchenschiff an den gotischen Chorraum an. In Verantwortung ihrer Geschichte gegenüber haben sie immer wieder in größeren oder kleineren Renovationen den Mittelpunkt ihres Gemeinwesens gepflegt und ihrer Zeit angepasst.